Hier entsteht Seite für Seite, Bild für Bild, Geschichte für Geschichte ein Bilder-Geschichten-Buch für meine Enkel Leon Benjamin und Viviane Eve Sander
Wie auch bei meinen anderen Bildern und Texten auf dieser HP gilt striktes (C)
Wie der Rabe ins Bild kam
Die Geschichte beginnt eigentlich schon im letzten Jahr. Genauer gesagt: im letzten Winter. Das ist deshalb so wichtig zu erzählen, weil es ein besonders kalter Winter war und es schon seit vielen Jahren nicht so viel Schnee im Park gegeben hatte. Auch im Rest der Stadt war alles weiß verschneit: Die Bäume hatten weiße Kronen, die Häuser hatten weiße Hauben, die Hecke hatte sich eine weiße Decke über gezogen und da, wo sonst das Jahr über ein grüner Rasen war, war jetzt ein dicker weißer Teppich aus Schnee. Der Frost klingelte in den Ohren der Menschen und wo sie entlang gegangen waren, das blieben als Andenken die Fußabdrücke von ihnen zurück. Kinder machten riesen Schritte, um in die Fußstapfen der Erwachsenen treten zu können - oder sie hinterließen ihre eigenen kleinen Abdrücke da, wo der Schnee noch jungfräulich und unberührt geblieben war.
Aber nicht nur die Menschenkinder und großen Menschen hinterließen ihre Spuren im endlosen Schneeteppich, auch die Tiere malten ihre Spuren in den Winterboden. Und so war die ganze Welt bis zum Horizont ein einziges Weiß mit Spuren, die kreuz und quer darin herumführten.
Es war Rabe Friedeguts erster Winter in seinem noch jungen Leben. Und dann gleich so ein heftig kalter, daß er anfangs nur auf den äußersten Zehenspitzen durch den Schnee stakste, falls das grade gar nicht zu vermeiden war, weil er nach Futter pickten mußte. Und das beobachtete eine Weile die Oma Anya von ihrem Fenster aus, von dem sie direkt in den Park schauten konnte. Und wie ihr der junge Rabe Friedegut da leid tat! Und weil Oma Anya eine Malerin ist, nahm sie ein großes weißes Blatt und malte ein riesiges rotes Wollknäuel darauf, paßte auf, das sie den Anfang und das Ende von dem langen Wollfaden noch frei hatte und wickelte die ganze rote Wolle zu einer großen Kugel zusammen, als sie genug davon gemalt hatte. Sie legte für Friedegut ein paar Kerne und Nüsse auf die Fensterbank und versprach ihm, daß er bald nicht mehr an den Füßen frieren müsse, denn sie strickte für ihn dicke, warme, rote Ringelstrümpfe. Danach war noch so viel dicke, rote, warme Wolle übrig, dass es sogar noch für eine dicke, warme rote Pudelmütze für den Raben reichte.
Der Rabe Friedegut mußte zum Anprobieren immer an den Fenstersims von Oma Anya kommen, weil die keine fertige Strickanleitung für Rabenstrümpfe und -mützen hatte und viel Fantasie brauchte, um die zu stricken. Deshalb mußte der Rabe Friedegut auch so oft anprobieren und hatte sich schnell daran gewöhnt und mit Oma Anna eine Freundschaft begonnen, die noch lange halten sollte.
Als Oma Anya dann eines Tages Besuch von ihren Enkeln Leon und Viviane bekam und es wieder einmal besonders heftig geschneit hatte, flog der Rabe Friedegut einfach in Oma Annas Atelier und dort direkt in ein Bild, das diese gerade von ihm malen wollte für Leon und Viviane. Und weil es ihm dort so gut gefiel und es auch warm und gemütlich war, blieb er einfach in dem Bild wohnen. So wurde der Rabe Friedegut ein neues Mitglied der Familie von Oma Anya, ihren Enkeln Leon und Viviane und deren Eltern.
Und der Rabe Friedegut wohnte noch immer in dem Bild, als es bereits wieder Sommer war und draußen recht warm. Da brachten ihn zwar die dicken, roten, warmen Ringelstrümpfe und die dicke, warme rote Pudelmütze zum Schwitzen. Aber er hatte sich entschlossen, dass er lieber im Sommer schwitzen als im Winter frieren wollte. Man kann einfach nicht immer alles gleichzeitig haben sondern muß sich manchmal zwischen zwei Alternativen entscheiden.
Wie der Kater rote Stiefel bekam
„Orfeo“, der Kater von Oma Anya, war eines Vormittags ganz alleine zuhause. Und wenn Orfeo mal nicht beobachtet wurde, dann fielen ihm lauter Dummheiten ein. Natürlich hätte er nie im Leben zugegeben, dass das Dummheitenb waren. Er war natürlich immer unschuldig wie ein neu geborenes Katzenkind, das noch kein Wässerchen trüben konnte. Aber ich glaube, das meinen fast alle Kinder von sich.
Oma Anya ist, wie ihr inzwischen ja wißt, eine Malerin, die alles malt, was ihr im Leben so gefällt, wovon sie träumt und auch das, was sie sich einmal wünscht. Jedenfalls hatte sie in ihrem Atelier grade einen Tag vorher ein großes Bild angefangen, das später einmal ‘die Reise nach Besancon’ heißen sollte und noch viel bunter war als alle anderen Bilder zuvor. Da waren die Farben darin von Freude und Lachen, von Zeit, die viel zu langsam vergeht, von Zeit, die viel zu schnell vergeht, ganz im hintersten Eck war auch eine kleine Träne versteckt mit einem tiefblauen Himmel und einer Sonne eingerahmt, was einen Regenbogen ergab. Es war ein sehr wichtiges Bild für Oma Anya. Daran würde sie noch viele Tage arbeiten und es würden ihr noch viele Farbtupfer dazu einfallen und Emotionen und Melodien, die ja auch in einem Bild vorkommen können.
Aber Orfeo war einfach zuuuuuu neugierig und konnte und wollte nicht warten, bis das große Bild fertig gemalt sein würde. Deshalb schlich er sich auf Zehenspitzen in das Atelier von Oma Anya, duckte sich ein bißchen (dabei hilft das gar nicht, wenn man nicht gesehen werden will!) und schlich sich ganz leise heran (wobei es auch keine Rolle spielt, ob man leise ist, wenn man der einzige ist, der überhaupt da ist), um den Entwurf des Bildes besser betrachten zu können. Dabei schaute er mal nach links, dabei schaute er mal nach rechts - aber er schaute einfach nicht grade aus und nach unten. Und so passierte es, dass er ausgerechnet in den roten Farbtopf stakte, der noch fast bis zum Rand gefüllt war. Jetzt hatte Orfeo plötzlich rote Stiefelchen an und hinterließ überall, wohin er sich flüchtete und verstecken wollte rote Fußspuren. So konnte ihn Oma Anya, die Malerin, auch leicht finden als sie nach Hause kam. Eigentlich wollte sie ja ziemlich schimpfen; aber Orfeo sah einfach zu lustig aus mit seinen Stiefelchen aus roter Farbe, die jetzt in Oma Anyas Bild fehlen würde, dass sie sich einfach mit Orfeo und seiner Frau Donna Lizzy auf den Boden hockte und aus vollem Herzen lachen mußte.